In der „Rush Hour“ des Lebens

Junge Erwachsene waren Thema der Fachtagung Jugendpastoral in Gemen
In der „Rush Hour“ des Lebens
Referent Thomas Kirschmeier vom Rheingold-Institut Köln

Die Lebenssituation von Menschen zwischen 18 und 35 Jahren ist geprägt von vielfältigen Übergangsphasen. Wenn Kirche sich für die Altersgruppe öffnen will, muss sie sich dem Lebensstil dieser Jungen Erwachsenen anpassen. Zu diesem Resümee kam die Koblenzer Theologieprofessorin Angela Kaupp auf der diesjährigen Fachtagung Jugendpastoral auf der Jugendburg Gemen. Über 60 Verantwortliche aus der katholischen Jugendseelsorge und Jugendarbeit waren dort zusammengekommen, um sich mit der Zielgruppe Junge Erwachsene zu beschäftigen.

Thomas Kirschmeier vom Kölner Rheingold-Institut stellte auf der Tagung die Ergebnisse der Rheingold-Jugendstudie 2010-2014 vor, einer Grundlagenstudie zur Jugendkultur, in der 100 junge Menschen bis 28 Jahren tiefenpsychologisch interviewt wurden. Er zeichnete das Bild einer neuen „Generation Biedermeier“, die sich vor allem durch die Angst vor gesellschaftlichem Absturz und die Wichtigkeit des persönlichen Images auszeichne.

In den Interviews hätten die Psychologen des Instituts überwiegend eine „erwachsen anmutende Vernunft und Kontrolliertheit“ bei den jungen Menschen festgestellt. Gleichzeitig gebe es eine große Wut auf die chaotische Unbeständigkeit der Welt. Ihr Leben meisterten die Jungen Erwachsenen in einer „pragmatisch-nüchternen Herangehensweise“, bei der eine geordnete, kleine Welt mit Bausparvertrag, Reihenhaus und Garten das Ziel sei. Unangepasste Typen und vermeintliche Versager auf diesem Weg würden ausgegrenzt, wichtig sei es, das Bild zu vermitteln, dass man selbst auf der „Siegerseite“ stehe. „Wo steckt das Schräge und Strubbelige im Leben der jungen Menschen?“, fragte Kirschmeier. Zugleich stellte er fest, dass das „biedere Blendwerk“ dieser Generation unter anderem dazu diene, selbst erlebte Zerrüttungserfahrungen wie die Scheidung der Eltern oder berufliche Probleme zu übertünchen.

In verschiedenen Lebensbereichen komme es zwischen 18 und 35 Jahren zu „Teilübergängen“, erläuterte Theologieprofessorin Kaupp in ihrem Vortrag. „Die einen gründen gerade eine Familie, andere bauen ein Haus, wieder andere planen ihre berufliche Zukunft – und manchmal passiert vieles davon gleichzeitig.“ Diese Phase bezeichnete Kaupp als „Rush Hour“ des Lebens. Dabei unterschieden sich die einzelnen Lebensentwürfe Junger Erwachsener je nach Geschlecht und Bildungsstand.

In diesen Übergangssituationen hielten die Menschen Ausschau nach „mehr als Alltag“, so Kaupp weiter. Sie suchten Gemeinschaft und Halt, aber nur dort, „wo ich so sein darf, wie ich bin.“ Kirchliche Angebote müssten deshalb zum je eigenen Lebensstil der Jungen Erwachsenen passen. „Die Frage vor Ort muss lauten: Wollen wir Angebote für ein bestimmtes oder für alle gesellschaftlichen Milieus machen?“ Angesichts der Erosion traditioneller Gemeindestrukturen sei Letzteres jedoch schwierig zu bewerkstelligen: „Die klassische Kirchengemeinde richtet sich an lokal Stabile: Kinder, Familie, Ältere. In ihrer Übergangsphase sind viele Junge Erwachsenen jedoch äußerst mobil und müssen sich immer wieder an anderen Orten neue Bezugsgruppen suchen.“

Das versucht im Bistum Münster seit etwa zwei Jahren ein entsprechendes Referat im Bischöflichen Generalvikariat zu unterstützen und zu koordinieren. Das Ziel sei es, erklärte Referent Christoph Aperdannier, die Jungen Erwachsenen als eigenständige Zielgruppe der Seelsorge zu etablieren. Unter der Dachmarke „flügge“, mit der auch die Fachtagung überschrieben war, werden seit einiger Zeit entsprechende Angebote gebündelt. In den kommenden Wochen wird dazu eine Internet-Seite freigeschaltet, die einen Überblick über alle Veranstaltungen für 18- bis 35-Jährige bieten soll.

Die Fachtagung Jugendpastoral ist eine zweitägige Fortbildung für kirchliche Mitarbeiter in der Jugendseelsorge und wird jährlich vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Diözese Münster und der Abteilung Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene im Bischöflichen Generalvikariat durchgeführt.

Text und Foto: Thomas Mollen, BDKJ Diözese Münster